Was zum Teufel läuft da eigentlich nachmittags im Fernsehen? Eigentlich wollte ich mir ja das Finale der heutigen Tour-de-France-Etappe angucken (Von blöden Bemerkungen über gedopte Radrennsportler bitte ich abzusehen), doch die trödeln heute wegen der großen Hitze rum. Also habe ich wenig durch die Kanäle gezappt. Und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Da war das Paar mit dem zeugungsunfähigen Mann und der Freundin, die unbedingt ein Kind haben wollte und deswegen flugs mit irgendeinem Bekannten ins Bett gegangen ist (hat aber nicht geklappt). Da war irgendeine halbwüchsige Dumpfbacken-Gammelgöre, die von einer aggressiv-dominanten Frau (die Mutter? die Tante? die Oma?) von ihren Asi-Freunden wegzerrt und ins Auto verfrachtet wurde, um dann die Leviten gelesen zu bekommen usw. Überall wohin ich schaltete, präsentierte sich das letzte Drittel der deutschen Gesellschaft mit erstaunlichem Exhibitionismus. Kinder werden im TV erzogen, Richter sprechen Urteile nach Jugendstraftaten, junge Männer werden von der Mutti entwöhnt, B- und C-Promi-Frauen suchen sich ihren nächsten virilen Lover aus. Zwischenzeitlich stehen eine handvoll junger Erwachsener in greller Bademode im Garten des Big-Brother-Hauses und ziehen Perücken an und tun so, als seinen sie Jon Bongiovi (schreibt man den so? Egal) in den 1980ern. Und Himmel tun sie das schlecht und untalentiert.
Als ich eben durch die TV-Kanäle zappte, hatte ich den Eindruck, dass die gesamten bildungsfernen Schichten (neudt. für "Asis") sich im Nachmittagsprogramm der Privatsender produzieren. Kein Thema zu banal, kein Detail zu intim, kein Niveau zu niedrig. Macht das TV diese Menschen oder filmt das TV nur ab, was eh Realität ist?
Ich habe schon seit längerer Zeit das Gefühl Teil einer Gesellschaft zu sein (einer Minderheit?), die nahezu isoliert von anderen Schichten lebt, die sich völlig anders verhalten, die völlig anders denken und fühlen als ich, obwohl ich in einem Viertel lebe, in dem weiß Gott nicht alle meiner "Kaste" angehören. Ich weiß, ich mache oft genug die Augen zu, wenn ich hier Dinge sehe, die mir so fremd sind, wie eine nepalesische Hochzeitszeremonie - umso erschreckender, wenn sie mir dann vom Fernsehen geöffnet werden und mir die Details mit einem Vergrößerungsglas, dramaturgisch aufbereitet, präsentiert werden.