
Seit vorgestern bietet die Industrial-Rock-Band
Nine Inch Nails auf ihrer Website ihr im Juli auf CD und LP erscheinendes reguläres Album "The Slip" auf ihrer Website kostenlos zum Download an.
Das Album kann sogar in verschiedenen Formaten heruntergeladen werden. Das Album ist mit einer Creative-Commons-Lizenz ausgestattet (=GEMA-frei) und darf frei kopiert, weitergegeben und sogar verändert werden.
[Weitere Infos hier.]
Aber wichtiger als die Tatsache, dass die Band das Album kostenlos als digitale Dateien zur Verfügung stellt (denn das finde ich schon einmal per se sehr begrüßenswert) ist die Frage, wie denn das neue, reguläre Album der NINs ist?
Well, es ist überraschend gut, muss ich sagen. Und das, obwohl ich mit den frühreren Alben der Nails gar nicht mal so viel anfangen konnte. "The Slip" hat mich auch musikalisch überzeugen können. Bereits das im März veröffentlichte experimentelle Album "Ghosts" (das ebenso teilweise kostenlos downloadbar war)
[Infos dazu hier] fand ich streckenweise sehr interessant, doch war es - schon alleine weil es ein reines Instrumental-Album war - wohl kaum
massenkompatibel; "The Slip" hat hingegen das Zeug zu einem den wichtigsten Alben des Jahres zu werden, nicht nur wegen des Marketings oder weil es übermäßig kommerziell geraten ist, im Gegenteil: Mir scheint, als ob sich Trent Reznor von den Bevormundungen des Labels auch in künstlerischer Hinsicht emanzipiert hat und nun "frisch-frei von der Leber" seinen State-of-the-art-Rock machen kann, der intelligent gemacht und gut produziert ist und sich nicht mehr an diktierte Marketing-Moden zu halten braucht.
Und so ist der revolutionäre Vertriebsweg (Downloads umsonst, CDs im Laden gegen Geld, dazu natürlich Konzerte) nicht nur
ein möglicher neuer Ansatz im Vertrieb von Musik ohne (böse) Labels, sondern auch eine künstlerische Unabhängigkeitserklärung. Der Künstler übernimmt nicht nur die Regie in Sachen Vertrieb, sondern entscheidet alleine, was er auf den Markt bringen will (und wie er es macht). Nach dem jahrelangen Gejammere der Musikindustrie (die übrigens immer erfolgreicher in Sachen "illegale" Download bekämpfen werden - ohne dass sich der gewünschte Erfolg, nämlich mehr Umsätze mit ihrer Schrott-Musik, einstellen würde) emanzipieren sich die Künstler und etablieren nun eine freie, unabhängige Musikszene. Freilich: Die Musiker tragen die Risiken selbst - aber in Zeiten von Formatradio und Labels, die alle Unterstützung für kleine Labels eingestellt haben und stattdessen auf die schnelle Mark mit den abgehalfterten Stars und Retorten-Pop mit austauschbaren Protagonisten setzen, war die Absicherung der Musiker eh weggefallen.
Wenn sich die Entwicklung so fortsetzt (und ich bin gespannt, wer als nächstes auf den Zug springt), dann könnte es doch noch eine Renaissance der Rockmusik geben (die ja doch irgendwie lahm darnieder liegt, weil sich die Kiddies nicht mehr für Rockmusik zu interessieren scheinen, sondern lieber Hip-Hip-Klingeltöne mit Wackelärschen wollen), einfach weil sie vielschichtiger und individueller werden kann.
So weit zu meinem Wunschtraum
Ich weiß, dass dieser Weg für kleinere Bands kaum machbar ist, schon alleine, weil es gar nicht mal so wenig Geld kostet, entsprechendes Webspace und v.a. Traffic zur Verfügung zu stellen, damit die Sachen heruntergeladen werden können, aber da gibt es ja nun mittlerweile mehr als genug helfende Alternativen im Netz, die das kostenlos und befriedigend erledigen können.
Der Musikmarkt, die Musikszene ist im Umbruch. Es gibt noch Hoffnung.
Aber die Loslösung von Plattenfirmen scheint die Kreativität von Trent Reznor zu beflügeln. Das sollten andere Künstler alleine deshalb auch versuchen. Da würde vielleicht sogar ein Album von R.E.M. oder Coldplay plötzlich wieder spannend.
Tim